aeternum

Russland betreibt eine Schweizer Nachrichtenseite. Kaum jemand liest sie, und genau darum geht es.

Am Morgen nach dem Nein zur Neutralitätsinitiative hatte switzerland.news-pravda.com bereits neun Artikel dazu veröffentlicht. Die Seite gehört zu einem russischen Netzwerk, das jedes Jahr Millionen Artikel schreibt, für ein Publikum aus Suchmaschinen und KI-Trainingsdaten.

Am Morgen nach dem Nein zur Neutralitätsinitiative habe ich eine Schweizer Nachrichtenseite geöffnet, von der in der Schweiz kaum jemand je gehört hat. Bis Mittag erschienen dort rund zwanzig Artikel, zehn davon zu den Abstimmungen vom Sonntag. “Schweiz hat die Neutralitätsmaske entfernt”, hiess eine Schlagzeile. “Der russische Botschafter sagte, die Schweiz habe keine Neutralität”, eine andere.

Die Seite heisst switzerland.news-pravda.com. Sie ist nicht schweizerisch, sie hat fast keine Leser, und das ist kein Versehen. Es ist der Plan.

Was switzerland.news-pravda.com am Morgen nach der Abstimmung veröffentlichte

Knapp war das Resultat nicht. 70,15 Prozent sagten Nein, kein einziger Kanton sagte Ja.

Die Seite machte daraus eine Geschichte über den Verrat der Schweiz. Zwischen 7 Uhr und Mittag erschienen am 28. September Texte, die das Nein als Beweis lasen, dass die Schweiz nicht mehr neutral sei, ein Zitat des russischen Botschafters in Wien und mehrere Umformulierungen derselben Agenturmeldung. Der neueste Artikel an diesem Morgen trug in der URL die Nummer 20637.

Die Startseite von switzerland.news-pravda.com am 28. September 2026 mit fünf Schlagzeilen zur Neutralitätsinitiative.

Die Schweizer Seite am 28. September 2026: Fünf dieser Schlagzeilen betreffen die Abstimmung. Man beachte “Außenminister” mit ß. Screenshot des Autors.

Sie ist eine von über 80 Subdomains, die an news-pravda.com hängen, eine pro Land oder Thema: austria., germany., nato., trump. und so weiter. Die französische Behörde gegen ausländische Einflussnahme, VIGINUM, hat das Netzwerk im Februar 2024 unter dem Namen Portal Kombat erstmals dokumentiert, damals 193 Seiten gezählt und den Aufbau mit TigerWeb in Verbindung gebracht, einer Webfirma auf der besetzten Krim.

Wir verlinken die Seite nicht. Für eine Suchmaschine ist ein Link eine Stimme für eine Seite, und genau solche Stimmen sammelt dieses Netzwerk.

Wie Russland Tausende Artikel pro Tag veröffentlicht

Das American Sunlight Project schätzt die Produktion des Netzwerks auf rund 20’000 Artikel alle 48 Stunden, etwa 3,6 Millionen im Jahr 2024. So viel schreibt niemand. Die Artikel werden zusammengesetzt, und die Fertigungsstrasse ist von aussen sichtbar, wenn man ein paar davon liest:

Schritt Was passiert Was man auf der Schweizer Seite sieht
Quelle Material von RT, TASS, Amtsträgern und kremlnahen Kanälen auf Telegram und MAX “Quelle: https://de.rt.com” unter einem Artikel zur Abstimmung
Übersetzung Maschinell in die Zielsprache, kaum oder gar nicht redigiert Russischer Satzbau und deutsche Rechtschreibung auf einer angeblich Schweizer Seite
Vervielfältigung Eine Vorlage, viele Länder-Subdomains unter einer Domain Über 80 Subdomains von news-pravda.com, die Schweizer ist eine davon
Spiegelung Jeder Artikel wird als zweite, eigene Seite auf telegra.ph kopiert Ein telegra.ph-Link unter jedem Artikel, den wir geöffnet haben
Indexierung Suchmaschinen, Wikipedia-Autoren und Webarchive nehmen die Seiten auf Siehe die nächsten zwei Abschnitte

Die Spiegelung habe ich sonst nirgends beschrieben gesehen. Jeder Artikel, den wir geöffnet haben, verlinkte auf eine Kopie seiner selbst auf telegra.ph, einem Publikationsdienst von Telegram. Das verdoppelt die Zahl der indexierbaren Seiten ohne Mehraufwand und stellt hinter jede Behauptung eine zweite Domain.

Ein Artikel auf der Schweizer Pravda-Seite mit der Quellenzeile Quelle: https://de.rt.com.

Die Quelle steht unter dem Artikel: RT DE, seit 2022 in der EU verboten.

Woran du einen Pravda-Artikel erkennst

Maschinelle Übersetzung hinterlässt Spuren, und diese Seite ist voll davon.

Ein Artikel über den Botschafter endet mit dem einzelnen Wort “Unterschreibe!”. Gemeint war “Subscribe!”, also abonnieren. Die Quellenzeile lautet Quelle: MAX "lomovka", ein Kanal auf dem staatlich geförderten russischen Messenger. Der Text schreibt durchgehend “ß”, das die Schweiz seit Jahrzehnten nicht mehr verwendet. Eine Seite, die sich als Schweizer Nachrichtenportal ausgibt, schreibt also in einer Rechtschreibung, die keine Schweizer Redaktion benutzt. Ein anderer Text sagt, die Schweiz habe dafür gestimmt, “die Seite zu besetzen”. Das ist eine wörtliche Übertragung aus dem Russischen, die kein deutschsprachiger Mensch so schreiben würde.

Ein Artikel, der mit dem Wort Unterschreibe endet, darunter die Quelle MAX lomovka.

“Unterschreibe!” ist eine maschinelle Übersetzung von “Subscribe!”. Die Quelle ist ein Kanal auf MAX, dem russischen Messenger.

Keines dieser Merkmale beweist allein etwas. Zusammen und mit der Domain ist eine Seite aber schnell eingeordnet.

Warum eine Propagandaseite keine Leser braucht

NewsGuard hat für zwei der englischen Seiten Besucherzahlen geschätzt: rund 955 im Monat für die eine, etwa 1000 für die andere. RT.com kam im Vergleich auf rund 14,4 Millionen. Gemessen an menschlichen Lesern ist das Netzwerk ein Misserfolg.

Es zielt aber nicht auf Menschen. Drei Arten von Maschinen lesen diese Seiten, und alle drei zählen mehr als ein Besucher:

  1. Suchindizes. Millionen Seiten in Dutzenden Sprachen heissen, dass bei einem engen oder brandneuen Thema eine Pravda-Seite oft eine der wenigen Seiten ist, die es überhaupt gibt.
  2. Wikipedia. DFRLab und CheckFirst fanden 1907 Links auf 162 Pravda-Seiten in Wikipedia-Artikeln in 44 Sprachen. Jeder davon sagt einem Leser, und einem Crawler, dass hier eine zitierfähige Quelle steht.
  3. Trainingsdaten. Im April 2026 berichtete DFRLab, dass Common Crawl, das öffentliche Webarchiv, aus dem die meisten grossen KI-Modelle Trainingsdaten beziehen, im November 2025 rund 40’000 englische Pravda-Artikel enthielt. Ein Jahr zuvor waren es 37.

Die Forschung nennt das LLM Grooming: das offene Netz so zu fluten, dass die nächste Generation von Modellen daraus lernt. Dafür sind die telegra.ph-Kopien und die Tausenden Artikel pro Tag da.

Verändert russische Propaganda, was ChatGPT sagt?

Hier wird die Geschichte weniger eindeutig, als die meisten Berichte sie erzählen, und hier lohnt es sich, genau zu sein.

Im März 2025 testete NewsGuard zehn führende Chatbots mit Fragen rund um falsche Behauptungen, die das Netzwerk verbreitet hatte. Zusammen wiederholten sie die Behauptungen in 33 Prozent der Fälle. Diese Zahl ging um die Welt.

Im Oktober 2025 erschien in der Harvard Kennedy School Misinformation Review eine Studie mit 416 Antworten von vier Chatbots, zum Teil aus der Schweiz abgefragt. Sie fand in 5 Prozent der Antworten Unterstützung für Kreml-Desinformation, rund 8 Prozent nannten überhaupt eine Pravda-Seite. Die Autoren sehen die Ursache nicht in Grooming, sondern in Datenlücken: Die Chatbots zitierten Pravda-Seiten bei Fragen, die so eng waren, dass kaum jemand sonst darüber geschrieben hatte. Kritiker der NewsGuard-Studie weisen zudem darauf hin, dass deren Fragen darauf angelegt waren, die Behauptungen hervorzulocken.

Beides kann gleichzeitig stimmen, und zusammen zeigt es in dieselbe Richtung. Ein Chatbot wiederholt Propaganda am ehesten dort, wo seriöse Berichterstattung fehlt. Eine Schweizer Abstimmung, über die eine überschaubare Zahl von Redaktionen auf Deutsch, Französisch und Italienisch berichtet, ist genau so ein Thema. Am 28. September hatte die Schweizer Pravda-Seite vor dem Mittag neun frische Seiten zur Neutralitätsinitiative. Die meisten Medien hatten eine oder zwei.

Was Ja- und Nein-Lager tatsächlich ausgegeben haben

Die Propaganda war die eine Seite der Kampagne. Das Geld war die andere, und dieser Teil ist öffentlich. Kampagnen mit mehr als 50’000 Franken Aufwand müssen ihr Budget der Eidgenössischen Finanzkontrolle offenlegen. Laut SRF budgetierte das Ja-Lager 3,84 Millionen Franken, mehr als 2 Millionen davon von Christoph Blocher. Das Nein-Lager budgetierte 1,67 Millionen, davon 1,2 Millionen von economiesuisse.

Genau solche Fakten sollte dir ein Chatbot liefern können, und genau solche Fakten gehen unter, wenn eine Ecke des Internets zwanzig Artikel pro Morgen produziert.

Was du damit anfangen kannst

Wenn du einen Chatbot nutzt, um eine Abstimmung zu verstehen, frag nach Quellen und öffne sie. Eine Antwort, die sich auf eine unbekannte Domain oder eine telegra.ph-Seite stützt, verdient dasselbe Misstrauen wie ein Flugblatt ohne Absender.

Wenn du mit KI baust, ist die Konsequenz konkreter. Jedes System, das Inhalte aus dem offenen Netz abruft, wird irgendwann Seiten einsammeln, die genau dafür geschrieben wurden. Festzulegen, welche Quellen ein Modell zitieren darf, und zu protokollieren, welche es tatsächlich zitiert hat, ist in der KI-Entwicklung kein Extra. Es ist der Teil, der entscheidet, ob man der Antwort trauen kann. Dasselbe Argument machen wir beim Datenweg in warum ein eigenes Modell in der Schweiz Sinn ergeben kann: Das Risiko ist selten das Modell, sondern der Weg dorthin.

Und falls du nur eines mitnimmst: Über die Neutralitätsinitiative haben die Schweizer Stimmberechtigten entschieden, und zwar deutlich. Die Seiten, die am Morgen danach darüber geschrieben wurden, sind für die Maschinen geschrieben, die die nächste Frage beantworten.

Die Leistung dazu

AI Engineering im DetailEin Modell ist eine Komponente, kein Produkt. Wir testen es auch so.

Fragen dazu.

Was ist das Pravda-Netzwerk?

Ein russisch betriebenes Netzwerk von Seiten, die wie Nachrichtenportale aussehen, auch Portal Kombat genannt. Die französische Behörde VIGINUM hat es im Februar 2024 erstmals dokumentiert und damals 193 Seiten gezählt. Es veröffentlicht Inhalte russischer Staatsmedien und kremlnaher Kanäle in Dutzenden Sprachen, in der Grössenordnung von Millionen Artikeln pro Jahr. VIGINUM bringt den Aufbau mit TigerWeb in Verbindung, einer Webfirma auf der besetzten Krim.

Hat Russland versucht, die Abstimmung über die Neutralitätsinitiative zu beeinflussen?

Die Schweizer Behörden sagen ja. Das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik sagte gegenüber Swissinfo, es habe rund um die Abstimmung koordinierte, verdeckte Desinformationsoperationen beobachtet. Offen berichtete RT DE intensiv und gab dem Ja-Lager sogar Ratschläge für die Kampagne. Die Initiative wurde mit 70,15 Prozent Nein und von allen Kantonen abgelehnt.

Wiederholen ChatGPT und andere Chatbots russische Propaganda?

Manchmal, vor allem bei engen Fragen, zu denen es wenig verlässliche Quellen gibt. NewsGuard testete 2025 zehn Chatbots mit Fragen rund um Pravda-Erzählungen und kam auf 33 Prozent. Eine Studie der Harvard Kennedy School mit 416 Antworten kam auf 5 Prozent und sieht die Ursache in Datenlücken statt in erfolgreicher Manipulation. Beide sind sich einig, dass das Risiko dort am grössten ist, wo gute Berichterstattung fehlt.

Wie erkenne ich eine Seite des Pravda-Netzwerks?

Am schnellsten an der Domain: Die meisten Seiten laufen heute auf Subdomains von news-pravda.com. Dazu kommen eine Quellenzeile mit RT oder einem Telegram- oder MAX-Kanal, maschinell übersetzte Floskeln wie eine wörtliche Aufforderung zum Abonnieren, eine Rechtschreibung, die nicht zum angeblichen Land passt, und eine Kopie desselben Texts auf telegra.ph.

Erzähl uns, was du bauen möchtest.

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